Welle, Böe, Birne & der Bademeister
Braungebrannt, die Sonne als gesättigten Gott bezeichnend, lag einst eine teils verfaulte Birne an einem von Ebbe und Flut gezeichneten FKK-Strand. Ob Urlaub, Zeitausgleich, arbeitslos oder ausgestoßen, der Grund warum Helene, die besagte Birne, den schräg einfallenden Sonnenstrahlen frönte, liegt uns fern.
Beinah täglich kam sie hierher um dem Alltag zu entfliehen und sich entspannend über ein Buch oder dergleichen herzumachen. An jenem Tag war aber etwas anders. Es lag nicht nur der von bananenfressenden Nagetieren entstehende Gestank, welcher üblich am Strand herrschte in der Luft – es war etwas anderes. Helene blickte sich um und entdeckte unweit ihres Liegeplatzes eine merkwürdige Erscheinung. Sie rieb sich mit ihrem vertrockneten Stängel den Sand aus den Sehorganen und staunte nicht schlecht.
Eine vor Euphorie strotzende, hochaufbauschende Welle und eine orkanartige, Sand durch die hitzige Sommerluft wirbelnde Böe gaben sich nebst ihr einem massiven Machtkampf hin. Wer wohl die Oberhand behält, dachte die Birne innerlich und beobachtete gespannt das Geschehen. Was für ein Kampf: Böe gegen Welle. Wobei man bedenken muss ohne Böe keine Welle und ohne Wasser keine Böe, oder so ähnlich. Egal.
Die Welle bäumte sich auf, ging zum Angriff über und donnerte mit gewaltiger, schaumaufwirbelnder Energie Richtung Strand, wo sie grollend die Böe brach. Eins zu Null für die Welle, dachte die Birne innerlich leicht über sich selbst schmunzelnd.
Kaum war dieser Gedankenzug verflogen beobachtete die Birne mit Spannung wie die alles entschlossene Böe auf massivste Art und Weise konterte. Leere Getränkedosen und liegengelassene Essensreste der zuvor anwesenden Badegäste - es war nämlich schon spät geworden - wurden Opfer der immer stärker werdenden, schon beinahe wirbelsturmähnliche Böe. Fast magnetisch schien sich der Müll der Sandböensäule stetig zu nähern um durch den thermisch verursachten Sog mit der Säule eins zu werden.
Meterhoch türmte sich die rotierende Bedrohung auf und ließ die verdutzte Welle aufs Gröbste erschaudern. Mit einem unglaublich grell, erschallenden Ton schossen plötzlich sämtliche von der Böe erfassten Müllteile “like a Bombenluftangriff“ Richtung Welle und trafen diese zielsicher am Wellenhoden. Schwer getroffen und vom Kampf gezeichnet verschwand die Welle im mittlerweile Rot schimmernden Meer.
Den Sieg in der Tasche glaubend triumphierte die Böe angeberisch vor dem Birnchen, nicht wissend, dass sich während der Siegeseuphorie hinter der Welle eine Bruderwelle von gigantischem Ausmaße gebildet hatte.
Das strandnahe, durch den Kampf bereits etwas trĂĽbe Meerwasser, zog sich sogleich blitzartig hunderte von Metern zurĂĽck um sich der nach Vergeltung suchenden Bruderwelle zu fĂĽgen.
Sowohl der Böe als auch der besorgten Birne stand die Angst im Gesicht geschrieben. Wie angewurzelt starrten die beiden Helden dem blaugelben Horizont entgegen. Ihre augenähnlichen Sehorgane quollen aus den dazugehörigen Höllen, als wollten sie einen Fluchtversuch starten und ihrer eigentlichen Bestimmen – dem Sehen – entgehen.
Einige Sekunden totenstille in der endlos wirkenden Arena des Erschauderns.
Die Birne, sprich Helene, wurde ihrer Angst nicht länger Herr und änderte spontan ihren Aggregatzustand in Mus. Die “musverwandlungsunfähige” Böe hingegen konnte dem Beispiel der Birne nicht folgen und versuchte daher die Bruderwelle mit literarischen Wortfetzen und intellektuellen Floskeln aus dem Konzept zu bringen.
Mit Worten wie “Fäko-oral-Welle” oder “Schiffsbremser” und Sätzen wie ” Selbstverarschung ist die höchste Stufe von Humor” prahlte die leicht über sich selbst schmunzelnde Böe. Verdutzt dennoch dem Vernichtungsweg treu bleibend reagierte die Bruderwelle zynisch-stumm mit einer beschämenden ANTI-Böengrimasse und raste weiter der immer blasser werdenden Böe.
Immer enger der Abstand zwischen Bruderwelle und Strand bzw. Böe. Die Exbirne verschwand mittlerweile zur Gänze im feinkörnigen Strandsand, dessen goldbraune Farbe nun durch den Wellenschatten in einem düsteren Grau erschien.
Da erschien plötzlich ein unbesonnener und nichts ahnender Bademeister namens Ernst auf der Bildfläche und durchbrach die angespannte Stille mit seinen unrhythmischen Pfeifständchen, welche ihm seine frustrierende Tätigkeit als täglicher Routinekontrollgangbeauftragter erleichterte. Der durch seinen täglichen Auftrag gelangweilte Bademeister blieb abrupt wie angewurzelt stehen als er den Kampf der beiden Urgewalten erblickte und machte sich seiner Schließmuskeln nicht mehr Herr in die Hose.
Glaubend ein gutes Versteck gefunden zu haben, setzte die Böe ihre letzte verbliebene Energie ein und fuhr mit unglaublicher Geschwindigkeit dem Bademeister in den Arsch. Umhüllt von Darmwänden und anderen nicht unbedingt gutriechenden Gasen wartete die Böe dort im Schutz der Finsternis die Bruderwelle ab. Außer einem heftigen Umherwirbeln und einem ständigen Auf und Ab bekam die Böe nicht viel von der Wucht der Welle zu spüren, dennoch wusste sie als es vorüber war. Regungslos auf dem sehr salzhaltigen Meerwasser treibend lag der Leichnam des Bademeisters, der übrigens eine Familie zuhause hatte, nun aufgeweicht und entstellt da.
Der Böe blieb nichts anderes übrig als den Weg des Eintritts ebenfalls als Ausgang zu benutzen und fuhr dem Mann mit einem uns allen bekannten Laut aus dem dafür vorgesehen Analkanal.
Sichtlich verwirrt, aber ihrer Unversehrtheit froh, fegte die Böe dem Sonnenuntergang entgegen, wissend das sie sich sicherlich nicht wieder so schnell mit einer Welle anlegen würde.
Und die Moral von dieser G´schicht:
als Bademeister merkt´s man meistens nicht.
CC by Huzo



